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Tage am See

Sie sind das tragische Abbild meines Lebens selbst. Diese Tage am See. Diese Sommerfrische, die ich jedes Jahr aufs Neue ertragen muss. Wir kommen zusammen und verbringen hitzegetränkte Tage und schweißerfüllte Nächte als Familie. Ich weiß nicht, wann wir damit begonnen haben. Das ist das Tückische an Traditionen. Sie schleichen sich in dein Leben, machen es sich bequem, arrangieren sich mit dir, du gewöhnst dich an sie und plötzlich gehören sie dazu, als wären sie schon immer da gewesen. Du wirst sie nicht mehr los. Ich kann sie nicht leiden, diese Traditionen. Sie langweilen mich. Ich quäle mich durch sie…

Woanders daheim sein

Bregenz, das ist sechshundert Kilometer von Wien entfernt zu sein.Das ist, an lauen Sommerabenden mit Freunden am See zu grillen.Das ist, selbst zu kochen, das ist zuhause Feste zu feiern, das ist selten essen zu gehen, niemals Essen zu bestellen.Bregenz, das ist auf den Berg zu wandern, am See zu spazieren, im See zu schwimmen.Das ist ein Hinterfragen, wer deine wahren Freunde sind, an wen du denkst und wer auch an dich denkt. Das ist Listen zu führen, weil du sonst den Überblick verlierst.Das ist, niemanden wirklich lange und richtig gut zu kennen. Das ist kein sich sofort Anvertrauen, das…

Im Wiener Kaffeehaus

Der Handke schaut den Qualtinger an und der schaut mich an. Ich sitze an einem kleinen Tisch mit schwarzer Marmorplatte direkt neben der Eingangstür. Ein beißender Geruch liegt wieder in der Luft. Der Rauch des Vorabends klebt noch an den Wänden, steckt in den samtigen, roten Sitzbänken, vermischt sich mit Gulaschgewürz und Schnitzelpanier. Gläser klirren, Teller scheppern, das Bier schäumt in den Krügerln und der weiße Wein steht in kleinen Heurigengläsern. Die bernsteinfarbenen Wandleuchten erhellen den vorderen Raum des Kaffeehauses nur spärlich. Die Wände um mich herum sind zu einem Drittel vertäfelt, zu zwei Drittel mit Plakaten verklebt, darunter blitzt…

Meyer

Stundenlang sitzt er schon so da und schaut aufs Meer hinaus. Regenwasser plätschert die Dachrinne entlang, ein kalter Wind weht, doch Meyer musste raus. Er mag es nicht, den ganzen Tag drinnen zu sein. Deshalb hat er Kaffee gekocht und sich auf die Terrasse gesetzt, in den Regen. Und da sitzt er nun schon seit Stunden. Als es aufhört zu regnen, wird es um Meyer herum ganz still. Er hört, wie das Meer rauscht und wie der Wind die Büsche flüstern lässt. Ziemlich genau fünf Minuten später, Meyer hat ein gutes Zeitgefühl, unterbricht ein nervtötendes Geräusch die Stille. Die Nachbarin…