By Sandra Bauer-Wagner

Meyer

Stundenlang sitzt er schon so da und schaut aufs Meer hinaus. Regenwasser plätschert die Dachrinne entlang, ein kalter Wind weht, doch Meyer musste raus. Er mag es nicht, den ganzen Tag drinnen zu sein. Deshalb hat er Kaffee gekocht und sich auf die Terrasse gesetzt, in den Regen. Und da sitzt er nun schon seit Stunden. Als es aufhört zu regnen, wird es um Meyer herum ganz still. Er hört, wie das Meer rauscht und wie der Wind die Büsche flüstern lässt. Ziemlich genau fünf Minuten später, Meyer hat ein gutes Zeitgefühl, unterbricht ein nervtötendes Geräusch die Stille. Die Nachbarin…

Wohin

wohin sollen wir gehen weit weg wo ist das wo sonst nichts ist überall ist irgendwas irgendwo ist nichts überall ist irgendwer gehen wir dorthin wo sonst niemand ist wo sonst niemand bleibt   © Sandra Bauer 2017

Schwimmen um neun

Bin in der Früh an den See. Es war schon neun. Für hier ist das nicht mehr in der Früh, ist schon mitten am Vormittag. Hier steht man um fünf auf, weil man viel arbeiten will. Ohne Viel-Arbeiten ist man nichts wert. Man müsste sich sonst auch viel zu viel rechtfertigen vor den Einfluss-Reichen und den Zufalls-Reichen. Sitze am See mit Kaffee und Sitzkissen. Schaue einem Mann mittleren Alters beim Schwimmen zu. Der hat nichts zu tun, sonst würde er schon im Büro sitzen und nicht um neun im See schwimmen. Zwei ältere Herren kraulen von links nach rechts und…

Sieben

Träumte dir, du wolltest am Montag vier Kinder, am Dienstag einen Berg besteigen, am Mittwoch Karriere machen, am Donnerstag ans Meer fahren, am Freitag zuhause bleiben, am Samstag viel Rotwein trinken und wärst am Sonntag verkatert, dann lass dir sagen, das bedeutet, dass die Woche sieben Tage hat. Mehr bedeutet das nicht.   © Sandra Bauer 2017

Grellgelber Filzhut

Genau wie du Rostet das Schild Ewig in der Nacht. Leise hörst du es bröckeln. Lieber bliebest du jung. Genau wie du Eilt der Schneck über die Straße. Langsam und Bedacht. Eigentlich kein bißchen Relevant. Filzhut trägst du am Kopf und Ingwerzuckerl Lutscht du Zwischendurch. Heute Unterbricht der Tag deine Nacht.   © Sandra Bauer 2017

Noch mehr

Du kaufst und kaufst und kaufst und wirst nicht satt. Kurz zufrieden, kurz glücklich. Dann siehst du dich um und merkst, du brauchst noch mehr von diesem und jenem und vielleicht auch noch dies und das. Dann wirst du zufrieden sein. Dann bestimmt. Zu wenig Platz im Schrank, zu viele Dinge um dich herum. Kannst dich nicht konzentrieren, musst Ordnung schaffen. Brauchst wohl noch einen Schrank und noch ein Regal und noch eine Leiste hier und dort, damit es passt. Damit du endlich alles hast. Dann wirst du glücklich sein. Bestimmt.   © Sandra Bauer 2017

Neongelber Buchstabe

Im zerquetschten Herz ein neongelber Buchstabe. Er träumt von Andalusien und prall gefüllten Luftballonen. Das Hirn schweigt, sagt nichts dazu. Alles hin, nichts geht mehr.   Aus Nichts.Konsens. (Anthologie). Erschienen im März 2018 bei fabrik.transit. © Sandra Bauer 2017    

Zwei

Träumtest du, du wärst mit deiner Liebsten in den schottischen Mooren verloren gegangen, ihr wärt zu zweit durch kniehohe, eiskalte Bäche gewatet, hättet tagelang nichts zu essen gefunden, kein Wort miteinander gesprochen als dann und wann in Form eines kläglichen Jammerns, die Schafe hätten euch ausgelacht, der Weg, der vor euch lag, hätte niemals enden, die Qualen hätten niemals aufhören wollen, so möge es an der Zeit sein, aus dieser Zwei eine Eins zu machen. Dann sei es dir vergönnt, alleine zu verreisen – ohne deine Liebste.    © Sandra Bauer 2017

Nicht aus Stein

Sie lacht, um die Angst zu verbergen. Sie spricht, um nicht zuhören zu müssen. Sie weint, um gesehen zu werden. Sie widerspricht, um die Worte zu zerstören. Wo sie schreitet, hinterlässt sie Erschöpfung. Die Stolze zum Einsturz gebracht. Sie war nicht aus Stein.   © Sandra Bauer 2017