Tage am See

Sie sind das tragische Abbild meines Lebens selbst. Diese Tage am See. Diese Sommerfrische, die ich jedes Jahr aufs Neue ertragen muss. Wir kommen zusammen und verbringen hitzegetränkte Tage und schweißerfüllte Nächte als Familie. Ich weiß nicht, wann wir damit begonnen haben. Das ist das Tückische an Traditionen. Sie schleichen sich in dein Leben, machen es sich bequem, arrangieren sich mit dir, du gewöhnst dich an sie und plötzlich gehören sie dazu, als wären sie schon immer da gewesen. Du wirst sie nicht mehr los. Ich kann sie nicht leiden, diese Traditionen. Sie langweilen mich. Ich quäle mich durch sie hindurch. Sie sind geprägt von Gleichförmigkeit und Berechenbarkeit. Ich weiß in jedem Moment, was als nächstes passieren wird.

Der erste Tag der Sommerfrische gehört den Booten. Wir teilen uns auf. Drei bis vier Personen pro Segelboot. Dann fahren wir hinaus, weit hinaus. Ich bin am Ruder. Das hat sich irgendwann so ergeben. War schon immer so und wird deshalb auch immer so bleiben. Auch so eine Tradition in der Tradition. Meine Schwester Helene sitzt mit ihrem Neuen – jedes Jahr ist es ein Neuer, den sie mitbringt, jedes Jahr ist es der Richtige, der Mann für’s Leben – bei mir im Boot und langweilt sich oder leidet. Das Theatralische ist bei Helene Tradition. Ich lenke das Boot über die Wellen in Richtung Horizont – oder zumindest in Richtung dessen, was aussieht, wie ein Horizont. Der See erstreckt sich über beinahe fünfundsechzig Kilometer, sodass man meint, am Meer zu sein, wenn man weit genug rausfährt. Jedes Jahr wünsche ich mir, in den Horizont eintauchen zu können, im Horizont zu verschwinden und alles hinter mir zu lassen. Jedes Jahr fragt mich Helene, was sich in meinem Leben so tut, ob es endlich in die richtige Richtung geht. Jedes Jahr zucke ich mit den Schultern und sage nichts. Ich weiß nicht, ob mein Leben in die richtige Richtung geht. Ich weiß zwar, in welche Richtung ich fahren möchte, aber den Wind kann ich nicht kontrollieren. Kommt er von der falschen Seite, muss ich die Richtung ändern. Ich bin dem Wind und seinen Launen ausgeliefert. Auch heute wird sie mir wieder diese Frage stellen und wieder werde ich keine Antwort parat haben.

Der Wind frischt auf. Die Wellen werden bauchiger. Ein Sturm ist im Anmarsch. Am weit entfernten Ufer kann ich bereits die Warnleuchten blinken sehen. Das ist einmal etwas Neues, dass der See zu toben beginnt, das hat es noch nie gegeben, hier, Mitte Juli. Beständig, mild und vorhersehbar ist es sonst immer.

Wir müssen zurück ans Ufer. Ich wende und lenke unser Boot auf schnellstem Weg zurück in den Hafen. Helene sagt nichts, ihr Neuer auch nicht. Die Langeweile ist aus ihrem Gesicht verschwunden und der Neue wetzt unruhig herum, dreht seinen Kopf ununterbrochen von links nach rechts, als wollte er die mittlerweile beängstigend hohen Wellen im Blick behalten. Es donnert und stürmt. Das Boot schaukelt hin und her, ich habe große Mühen, es unter Kontrolle zu halten. Die Wellen werden immer höher, wir sind mitten im Gewitter und bestimmt noch gute zehn Minuten vom Hafen entfernt.

Dann trifft uns der Blitz und reißt unsere Tradition in Stücke. Ich bin auf der Stelle tot und sinke langsam auf den Seeboden hinunter. Helene und der Neue treiben noch eine Weile leblos auf der Wasseroberfläche, ihre Schwimmwesten schimmern hellrot im Regen.

Wer hätte das gedacht, dass das Unvorhersehbare sich so unbemerkt in unsere Tradition schleichen und sie derart hinterhältig zu Fall bringen würde, dass ich so bald schon aus den Zwängen der Tradition befreit werden würde, dass sich mein Leben in diese Richtung bewegen, dass der Wind diese Richtung für mich bestimmen würde. Aber so soll es doch eigentlich auch sein, das Leben. Wenn wir es am wenigsten erwarten, kommt eine Wendung.

Erschienen in “Literarisches Österreich, Sonderheft FREIHEIT 2019, Zeitschrift des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes”

© 2019 Sandra Bauer-Wagner