Woanders daheim sein

Bregenz, das ist sechshundert Kilometer von Wien entfernt zu sein.
Das ist, an lauen Sommerabenden mit Freunden am See zu grillen.
Das ist, selbst zu kochen, das ist zuhause Feste zu feiern, das ist selten essen zu gehen, niemals Essen zu bestellen.
Bregenz, das ist auf den Berg zu wandern, am See zu spazieren, im See zu schwimmen.
Das ist ein Hinterfragen, wer deine wahren Freunde sind, an wen du denkst und wer auch an dich denkt.
Das ist Listen zu führen, weil du sonst den Überblick verlierst.
Das ist, niemanden wirklich lange und richtig gut zu kennen. Das ist kein sich sofort Anvertrauen, das ist ein sich langsam Annähern, ein Vortasten, ein sich zu fragen, wem man was erzählen kann.
Das ist die Gewissheit, dass es im Westen anders läuft als im Osten.
Bregenz, das ist ein beobachtbarer Stolz aufs Land, ein hartes Arbeiten, ein Ziel vor Augen zu haben, ein eigenes Haus bauen zu wollen.
Das ist ein anderer Klang deiner Muttersprache, das ist eine Art von Fremdsein im eigenen Land.
Das ist sich wohlzufühlen in den eigenen vier Wänden, sich weiterzuentwickeln, eine Familie zu gründen.
Das ist, mit dem Rad zum Markt zu fahren, zufrieden zu sein mit einem Leben ohne urbanen Charakter, eine Handvoll Geschäfte zur Auswahl zu haben, ein überschaubares Angebot an Kunst und Kultur selten zu nützen.
Bregenz, das ist vorsichtig Verrücktes, traditionell Bodenständiges, das ist ordentlich rebellisch zu sein, das ist Vorreiter sein.
Das ist, sich etwas zu trauen und Neues auszuprobieren, bewusst zu leben und auf Qualität zu achten.
Das ist, alle zwei Monate sieben Stunden mit dem Zug nach Wien zu fahren. Das ist, die Eltern und die Schwester selten zu sehen.
Das ist mehr Schreiben als Reden.
Das ist ein Fokus auf das Wesentliche, ein Aussortieren des Lebens, sich zu konzentrieren auf den Kern, der das eigene Leben tatsächlich ausmacht.
Bregenz, das ist etwas, das immer schöner wird, je länger du da bist.


(inspiriert durch Maria Barbal)
erschienen auf dem Blog des BÖS (Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen), September 2019


© 2019 Sandra Bauer-Wagner