Meyer

Stundenlang sitzt er schon so da und schaut aufs Meer hinaus. Regenwasser plätschert die Dachrinne entlang, ein kalter Wind weht, doch Meyer musste raus. Er mag es nicht, den ganzen Tag drinnen zu sein. Deshalb hat er Kaffee gekocht und sich auf die Terrasse gesetzt, in den Regen. Und da sitzt er nun schon seit Stunden. Als es aufhört zu regnen, wird es um Meyer herum ganz still. Er hört, wie das Meer rauscht und wie der Wind die Büsche flüstern lässt. Ziemlich genau fünf Minuten später, Meyer hat ein gutes Zeitgefühl, unterbricht ein nervtötendes Geräusch die Stille. Die Nachbarin hat den Rasenmäher ausgepackt. Meyer mag keine Rasenmäher, zu laut und zu hässlich. Außerdem mäht die Nachbarin den Rasen immer zur ungünstigsten Zeit und mit größter Präzision, das dauert. Möwen fliegen an Meyers Garten vorüber und der kalte Wind lässt ihn etwas frösteln. Er überlegt, ob er der Nachbarin den Rasenmäher stehlen muss, ihn vielleicht sogar über die Böschung schubsen könnte. Doch er tut es nicht. Er bleibt sitzen, auf seiner Terrasse, und schaut weiter aufs Meer hinaus, mit dem Rasenmäher im Nacken. Die kalte Luft stellt ihm die Haare seiner nackten Unterarme auf und der Wind lässt sein silbriges Kopfhaar tanzen. Er hat unendlich viel zu tun, muss immerzu nachdenken über das Leben. Salz klebt auf seinem Gesicht und verschmiert ihm die Brillengläser. Es macht nichts. Er muss nichts sehen, um nachzudenken. Seine Zehen spürt er nicht mehr. Zu lange sitzt er schon hier draußen. Es macht nichts. Er muss nichts spüren, um nachzudenken. Meyer denkt an seine erste große Liebe und wie sie ihm das Herz gebrochen hat, langsam und vorsichtig. Er denkt an die Frau im Supermarkt, die ihm immer wieder begegnet, ihn aber nie wiederzuerkennen scheint. Er denkt an die ekelhafte Spinne, die monatelang über der Eingangstür seines Hauses wohnte und ihn jedes Mal, wenn er hineinging, zum Erschaudern brachte. Töten konnte er sie nicht und eines Wintermorgens war sie dann auf einmal weg. Er denkt an das Mädchen im Freudenhaus, an dem er sich vergangen hatte. Er konnte nicht anders. Es war das schönste Geschöpf, das er jemals gesehen hatte. Er musste es haben, wenn auch nur für eine Nacht. Er denkt an seinen Vater, der einen grauenvollen Tod gestorben war. Meyer mochte seinen Vater nie besonders, aber solch einen Tod hatte er ihm dann auch wieder nicht gewünscht. Er denkt an seine Mutter, die den Todestag seines Vaters jedes Jahr wie einen persönlichen Feiertag zelebrierte. Er muss schmunzeln und nimmt einen Schluck von seinem kalten, wässrigen Kaffee, ein scheußliches Gesöff. Aber er trinkt es trotzdem. Auf dem Geländer seiner Terrasse haben sich inzwischen zwei Möwen niedergelassen. Er mag keine Möwen. Sie sehen aus wie fiese, alte Herren und fiese, alte Herren mag Meyer nicht. Er fuchtelt mit den Händen herum, um die Möwen zu verjagen, aber diese scheinen wenig beeindruckt und rühren sich nicht von der Stelle. Er versucht es noch ein zweites und noch ein drittes Mal, dann lässt er es bleiben. So sehr stören ihn die Möwen dann auch wieder nicht. Er denkt an seine Frau, die den Regen liebte und der das Haus gehörte, in dem er wohnt. Sie war nicht besonders schön, aber klug und lustig. Er dachte immer, das würde genügen. Tat es nicht. Er betrog sie, sie liebte ihn weiter, doch irgendwann war sie auf einmal weg. Wie die ekelhafte Spinne. Der Rasenmäher rattert noch immer über das Gras und keppelt lästig vor sich hin. Meyer schaut hinüber zu seiner Nachbarin. Sie lächelt und winkt ihm zu. Er tut dasselbe und schaut schnell wieder weg. Er hat keine Lust auf ein kurzes Pläuschchen über den Gartenzaun hinweg, nicht heute, nicht morgen, niemals. Dann hört er es läuten. Es ist das Telefon im Haus der Nachbarin. Sie schaltet den Rasenmäher aus und läuft ins Haus. Meyer schaut wieder hinüber, zum Rasenmäher. Langsam richtet er sich auf und macht seinen Hals ganz lang, um nachzusehen, ob die Nachbarin noch telefoniert. Er kann sie durch das Küchenfenster sehen. Sie sieht ihn auch und winkt ihm wieder zu, er winkt zurück, dann dreht sie sich weg. Vorsichtig steht Meyer auf und schleicht gebückt in ihren Garten hinüber.

Es hat nicht viel gebraucht. Ein kleiner Schubs hat ausgereicht, um ihn ins Rollen zu bringen, um ihn ins Verderben zu stürzen, um ihn einstweilen zum Schweigen zu bringen. Die Böschung war steil genug und sorgfältig gemäht.

Jetzt sitzt Meyer wieder auf seiner Terrasse, mit erhobenem Haupt und geradem Rücken. Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht und er atmet tief durch. Die salzige Meeresluft erfüllt seinen alten Körper und dringt bis in seine Zehenspitzen vor. Stille. Dann schaut er wieder aufs Meer hinaus und sieht im Augenwinkel die Möwen, die sich vom abgestürzten Rasenmäher sichtlich beeindruckt zeigen.

© Sandra Bauer 2017

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